Samsung Research hat sich als einer der aggressivsten Akteure im Wettlauf um 6G etabliert und verbindet rekordverdächtige Labordemonstrationenen mit konkreten Architekturvorschlägen. Von der Erzielung von Terahertz-Datenverbindungen mit über 140 Gbps bis zur Veröffentlichung detaillierter Whitepapers zum Netzwerkdesign der nächsten Generation positioniert sich der südkoreanische Konzern, um die 6G-Standards ebenso entscheidend zu prägen wie zuvor die 5G-Standards.

Samsungs 6G-Zeitplan und Vision

Samsung veröffentlichte im Juli 2020 sein erstes umfassendes 6G-Whitepaper und war damit einer der frühesten großen Anbieter, der eine konkrete Vision für die nächste Generation darlegte. Das Unternehmen prognostiziert eine erste 6G-Standardisierung im Zeitrahmen von 3GPP Release 22 um 2028, mit kommerziellen Bereitstellungen zwischen 2030 und 2032. Samsungs 6G-Vision basiert auf drei Säulen: Hyper-Konnektivität mit Spitzenraten bis zu 1 Tbps, Sub-Millisekunden-Latenz unter 100 Mikrosekunden und KI-native Netzwerkintelligenz, die in jede Schicht eingebettet ist.

In seinem aktualisierten Whitepaper von 2024 verfeinerte Samsung diese Vision und betonte das Konzept der „Next Hyper-Connected Experience" — eine Konvergenz von Extended Reality (XR), digitalen Zwillingen und holografischer Kommunikation, die Netzwerkfähigkeiten weit über das hinaus erfordert, was 5G Advanced liefern kann. Das Unternehmen schätzt, dass 6G-Netze 10 Millionen Geräte pro Quadratkilometer unterstützen müssen — eine zehnfache Steigerung gegenüber den 5G-Spezifikationen.

Terahertz-Prototypen und Laborrekorde

Samsungs Advanced Communications Research Center in Suwon hat mehrere bahnbrechende Demonstrationen in der Terahertz-Kommunikation hervorgebracht. Im Jahr 2023 erzielte das Team eine 140-Gbps-Datenverbindung bei 135 GHz über eine Innendistanz von 100 Metern unter Verwendung eines maßgeschneiderten Phased-Array mit 16 Antennenelementen. Dies bleibt eine der höchsten Datenraten, die bei Sub-THz-Frequenzen über bedeutsame Entfernungen demonstriert wurden.

Bis Mitte 2025 demonstrierte Samsung adaptives Beamforming bei 220 GHz mit 64-Element-Arrays und erzielte 50 Gbps bei 200 Metern im Freien. Der Prototyp verwendete Samsungs proprietäre Galliumnitrid-Verstärkertechnologie (GaN), die nach Unternehmensangaben eine dreifach höhere Energieeffizienz bietet als konkurrierende Silizium-Germanium-Ansätze. Diese Ergebnisse sind besonders bedeutsam, da sie den Haupteinwand gegen THz-Kommunikation — die begrenzte Reichweite — entkräften, indem sie praktikable Außenverbindungen in Entfernungen demonstrieren, die für städtische Small-Cell-Bereitstellungen relevant sind.

KI-native RAN-Architektur

Samsungs 6G-Architekturvorschläge gehen über inkrementelle Verbesserungen der 5G hinaus. Das AI-RAN-Framework des Unternehmens, erstmals auf dem MWC 2025 vorgestellt, bettet Machine-Learning-Modelle direkt in den Funkzugangsnetz-Stack ein. Anstatt KI als überlagerte Optimierungsschicht zu behandeln, schlägt Samsung drei Stufen der KI-Integration vor:

  • PHY-Schicht-KI — neuronale netzwerkbasierte Kanalschätzung und Dekodierung, die herkömmliche LDPC-Decoder ersetzt und in Samsungs Labortests Durchsatzgewinne von 15-20 % erzielt
  • MAC-Schicht-KI — Reinforcement-Learning-Scheduler, die die Ressourcenzuweisung in Echtzeit basierend auf Verkehrsmustern anpassen und die Latenz im Vergleich zum proportional fairen Scheduling um bis zu 40 % reduzieren
  • Netzwerkschicht-KI — föderiertes Lernen zwischen Basisstationen für Interferenzmanagement und Handover-Vorhersage, das Handover-Ausfälle in Samsungs Multi-Cell-Testumgebung um 60 % reduziert

Samsung hat Teile dieser Architektur in seiner vRAN-3.0-Plattform implementiert, die derzeit von Betreibern wie T-Mobile US, KDDI Japan und SK Telecom eingesetzt wird. Die Produktionsversion verwendet einen vereinfachten KI-Scheduler, der laut Samsung eine um 12 % verbesserte Spektraleffizienz gegenüber seinem Vorgänger ohne KI bietet.

ISAC: Integrierte Sensorik und Kommunikation

Ein wesentliches Differenzierungsmerkmal in Samsungs 6G-Strategie ist die Investition in Integrierte Sensorik und Kommunikation (ISAC). Das Konzept verwendet dieselbe Wellenform und Hardware sowohl für die Datenübertragung als auch für radarähnliche Erfassung und verwandelt damit jede Basisstation effektiv in einen Multifunktionssensor. Samsungs Prototyp, der auf dem Samsung Tech Day 2025 demonstriert wurde, erreicht eine zentimetergenaue Positionierung und kann Objekte in Entfernungen von bis zu 500 Metern unter Verwendung standardmäßiger OFDM-Wellenformen bei 28 GHz erkennen.

Samsung betrachtet ISAC als entscheidend für die Unterstützung autonomer Fahrzeuge, Smart-City-Infrastruktur und industrielles IoT. Das Unternehmen hat seit 2022 über 200 ISAC-bezogene Patente angemeldet, was etwa 15 % seines gesamten 6G-Patentportfolios ausmacht. Samsungs ISAC-Arbeitsgruppe trägt aktiv zu 3GPP Study Items zur integrierten Sensorik für Release 19 und darüber hinaus bei.

Rekonfigurierbare intelligente Oberflächen

Samsung hat stark in Rekonfigurierbare Intelligente Oberflächen (RIS) investiert, die elektronisch gesteuerte Metaoberflächen-Panels verwenden, um Funksignale ohne aktive Verstärkung zu reflektieren und zu lenken. In Zusammenarbeit mit der Seoul National University demonstrierte Samsung ein 1.024-Element-RIS-Panel bei 28 GHz, das die Abdeckung in Szenarien ohne Sichtverbindung um 25 dB verbesserte — genug, um ein Funkloch in einen funktionsfähigen Verbindungspunkt umzuwandeln.

Die RIS-Roadmap des Unternehmens sieht transparente Panels vor, die in Gebäudefenster und -wände integriert werden und eine „intelligente Funkumgebung" schaffen, die sich dynamisch an Benutzerstandorte und Verkehrsanforderungen anpasst. Samsung schätzt, dass der RIS-Einsatz die Anzahl der benötigten Small Cells in städtischen Gebieten um 30-40 % reduzieren könnte, was die Netzwerk-Bereitstellungskosten für Betreiber erheblich senkt.

Standardisierungsführerschaft und Patentportfolio

Samsung besitzt eines der weltweit größten 6G-Patentportfolios mit über 1.400 Patentfamilien, die in Schlüsseltechnologiebereichen einschließlich THz-Kommunikation, AI-RAN, ISAC und RIS angemeldet sind. Laut dem Europäischen Institut für Telekommunikationsnormen (ETSI) gehörte Samsung 2025 neben Huawei und Nokia zu den drei größten 6G-Patentinhabern.

Das Unternehmen hat den Vorsitz oder stellvertretenden Vorsitz mehrerer ITU-R- und 3GPP-Arbeitsgruppen inne, die für 6G relevant sind, einschließlich der ITU-R Working Party 5D-Untergruppe zu den Visionsanforderungen von IMT-2030. Samsungs Standardisierungsstrategie konzentriert sich darauf, sicherzustellen, dass seine Technologiebeiträge — insbesondere in AI-RAN und ISAC — zu grundlegenden Elementen des 6G-Standards werden und nicht zu optionalen Funktionen.

Kommerzielle Strategie und Bereitstellungsausblick

Samsungs 6G-Kommerzialisierungsstrategie nutzt seine einzigartige Position als Netzwerkausrüster und Hersteller von Verbraucherendgeräten. Das Unternehmen plant, integrierte 6G-Modem-RF-Systeme für Smartphones auf Basis seiner Exynos-Plattform zu entwickeln, was ihm potenziell einen Time-to-Market-Vorteil ähnlich dem verschafft, den Qualcomm mit frühen 5G-Modems erzielte.

Auf der Infrastrukturseite erweitert Samsung sein Open-RAN-Portfolio mit 6G-fähigen Architekturen. Die Partnerschaft des Unternehmens mit großen US-Betreibern, insbesondere sein 2020 unterzeichneter 6,6-Milliarden-Dollar-Vertrag mit Verizon, bietet einen direkten Weg zu frühen 6G-Netzwerktests. Samsung hat sich öffentlich verpflichtet, bis 2028 6G-Testausrüstung an drei Betreiber zu liefern, wobei vorkommerzielle Systeme bis 2029 verfügbar sein sollen.

Mit über 3 Milliarden Dollar, die seit 2019 in 6G-Forschung und -Entwicklung investiert wurden, setzt Samsung strategisch darauf, dass seine Kombination aus Komponentenexpertise, Netzwerkinfrastruktur-Fähigkeiten und Fertigungsmaßstab bei Endgeräten es zum unverzichtbaren Partner für Betreiber machen wird, die weltweit 6G-Netze bereitstellen.